PuraVida SelbstGesrpäche Blog Andreas Reindl
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Sucht - Tag 4.745

Teil 4: Aus der Kindheit von Peter (13 Jahre jung)

Rauch und Alkohol in der Luft

Seit fünf Tagen trinkt Papa wieder. Immer von null auf hundert. Einige Wochen kein Schluck und dann das volle Programm. Gerade komme ich aus der Schule heim und betrete unsere Wohnung. Ein bekannter und zugleich widerlicher Geruch aus Alkohol und Nikotin ziehen mir regelrecht entgegen. Seine Schuhe liegen quer am Boden und das Sakko hängt schlampig am Kleiderhaken. Wer Papa kennt, der weiß, dass er selbst die kleinste Unordentlichkeit nicht akzeptiert. Natürlich nur, wenn er nüchtern ist. Es ist also leicht zu erkennen, eigentlich in einem Bruchteil einer Sekunde, in welchem Zustand er sich wieder befinden wird. 

 

Betrunkener Vater & Lehrer als Vorbild

Ich gehe übers Vorzimmer vorsichtig durch die Wohnung. Versuche abzuchecken wie die Lage ist. Alles ruhig. Ich sehe ins Schlafzimmer und ihn tiefschlafend und schwer betrunken am Bett liegen. Ein ekelerregender Geruch zieht mir durch die Nase, aber auch ein gewohnter. Ich ziehe ihm seine Hose aus und lege ihm die Bettdecke über seinen Körper. Ich bemerke, wie er sich von oben bis unten angemacht hat. Für all jene die glauben es handelt sich hier um einen 80-jährigen kranken alten Mann, nein es ist ein knapp 46 Jahre junger Mittelschullehrer, der jegliche Kontrolle, nicht nur über sein Leben, sondern auch über seinen Körper verloren hat. Und das nur, weil er es nicht schafft seine Kinder und Frau oder zumindest mich über sein vermurkstes Leben zu stellen. Ja genau mich, die einzige Person, die ihm geblieben war. Ich habe mich für ihn und gegen meine Mutter entschieden und er dankt es mir damit, dass sich an seiner Sauferei nichts ändert. 

 

Alkohol-Entsorgung

Am Tag fünf seiner Trinkphase, also heute, beginnt dann das übliche Spiel. Fast wie ein Ritual. Ich durchsuche ganz leise alle Kästen, Nachtkastln, Schränke, ja auch den Spülkasten der Toilette oder das Innenleben von seinen Matratzen, dort wo er Wein, Most oder Hochprozentiges versteckt hält. Ich rieche an Saft-Flaschen, Milchpackungen, in denen eigentlich was anderes als Alkohol sein müsste. Ich schütte alles weg, was mit Alkohol zu tun hat. Fast alles, meist hebe ich eine Flasche auf, falls er später aggressiv und unberechenbar wird oder er mich zwingt für ihn Alkohol zu besorgen. Er schläft immer noch tief und fest. Es macht mich tief traurig, hier alles und ohne Unterstützung, ohne Mama, ohne Geschwister, ohne Omi und meiner Tante durchstehen zu müssen. Mit 13 Jahren alleine mit einem schweren Alkoholiker zuhause. Ich fühle mich hoffnungslos und resigniert. 

 

Der Herr Professor ist arbeitsunfähig

Dann läutet das Telefon. Ich hab ein ungutes Gefühl. Normal klingelt es selten vor 19 Uhr. Ich hebe ab. Es ist das Sekretariat der Schule, in der Papa unterrichtet. Sie fragt, ob mein Vater zu sprechen wäre und ich sage spontan nein und dass er mit ziemlich hohem Fieber im Bett liegt. Sie fragt ob er morgen oder die Woche wieder in die Schule kommt? Ich antwortete, dass ich das nicht glaube, er sich aber spätestens morgen melden wird. Anruf beendet. Alles Lüge! So wie immer. Ich lerne gerade gut, wie sich Erwachsene durch ihr Leben lügen. 

 

Die Lüge geht weiter

Es ist 19 Uhr. Kurz danach klingelt das Telefon abermals. Ein ungutes Gefühl macht sich abermals breit. Erstens, dass Papa nicht aufwacht und den halbwegs erträglichen Abend stört und wer das jetzt wohl wieder sein könnte?! Innerlich wusste ich es bereits. Ich hebe ab. Omi aus Wien ist dran. Sie fragt wie es mir geht und ich erzähle fröhlich, wie super alles passt und dass ich gerade viel Spass beim Fussballspielen hatte. Ja es war ein richtig feiner Nachmittag heute. So wie immer eben. Omi fragt nach Papa. Ich sage ihr, dass er heute Lehrerkonferenz hat und sicher nicht vor 21 Uhr heimkommen wird. Sie fragt mehrfach nach, ob mit ihm alles passt und ob Papa hoffentlich nichts trinkt. Ich versichere Omi, dass alles bestens ist. Oha, da bin ich gut. Das bringe ich sehr glaubhaft rüber. Das habe ich gut gelernt. Schulisch läuft es zur Zeit zwar gerade katastrophal, aber glaubhaft auftreten, das kann ich allemal. Omi kommt so ca. 1x im Monat um Papa die Leviten zu lesen und ihn zum Ausnüchtern zu bewegen. Sie ist die einzige Person, die das bei ihm schafft. Aber ich will sie schützen. Sie ist auch schon älter und Opa hat sie vor wenigen Jahren verlassen und sie hat es auch nicht gerade leicht. Deshalb versuche ich die Trinkerei von Papa vor ihr möglichst lange zu verbergen. Omi und ich verabschieden uns und sie sagt, sie meldet sich morgen wieder. 

 

Papa will sich umbringen 

Es ist nachts. So um 2 Uhr herum. Ich hab tief geschlafen und plötzlich steht Papa vor mir. Völlig fertig. Er zittert am ganzen Körper. Er meinte er braucht unbedingt was zu trinken, aber er findet nichts mehr. Ich weine. Ich sage zu ihm, dass ich schlafen möchte. Ich hab morgen doch Schule, auch Schularbeit und muss bald aufstehen. Er wird immer lauter, schreit mich an, wird aggressiv und packt mich zornig, fragt immer wieder wo der ganze Alkohol hingekommen ist. Ich lüge natürlich sowie sage, es wäre nur mehr eine Flasche da gewesen und die hätte ich weg geleert. Kurz bleibt er aggressiv und dann in Sekundenschnelle fällt er wie ein Häufchen Elend zusammen. Er heult und jammert. Er sagt, er möchte und kann nicht mehr leben. Ja, er wird sich umbringen. Ich weine und verstecke mich unter der Decke. Er umarmt mich und weint mit. Das geht dann mindest die halbe Nacht so weiter. Schreien, Zorn, Tränen, Jammerei, Selbstmordankündigungen und immer wieder jämmerliche Entschuldigungen für alles was passiert ist. Papa sagt auch ständig, ich solle meine Sachen zusammenpacken und Mama anrufen. Sie soll mich  gleich holen. Es hätte alles so keinen Sinn mehr. Er will sterben, er will sich umbringen. Ja das wäre das Beste für mich und für alle. Er verlässt das Zimmer. Ich hab Angst. Was ist, wenn er sich wirklich umbringt? 

 

Rasierwasser zur Beruhigung 

5 Uhr früh: Ich erwische Papa im Badezimmer. Er trinkt sein Rasierwasser. Der einzig auffindbare Alkohol. Es wird ihm übel. Er übergibt sich. Röchelt nach Luft und ist jetzt völlig am Boden. Ich kann auch nicht mehr. Ich wünsche mir tot zu sein. Ich wünsche mir er wäre tot. Ich wünsche mir, die Welt soll einfach nur still stehen. Ruhe, ich will einfach nur Ruhe. Ich gebe Papa die letzte Flasche Wein. Dann hat er Ruhe und vor allem auch ich. Er trinkt einige Gläser sehr schnell und ich merke, wie er wieder halbwegs zu sich kommt. Ja, bei ihm ist das anders als bei „normalen“ Menschen. Er trinkt, um normal sein zu können. Um sein Leben aushalten zu können. Um Ausgleich in sich zu schaffen, um seinen Mangel im Leben auszugleichen, der ziemlich groß sein muss. 

 

Das Fortgehen zu meiner Mutter wurde vertagt. Ich konnte meinen Papa in diesem Zustand doch nicht zurücklassen. Schließlich hab ich mich vor Gericht für ihn entschieden und meine Versprechen versuche ich immer einzuhalten. Omi kam wenige Tage später und blieb eine gute Woche. Eine Woche der Entlassung, der Freiheit, des Kind seins, ohne Angst und zur Stärkung. Bis … es wieder von vorne losgeht.

 

 

Fortsetzung folgt!

 

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